Die Ernstfalle und was dein Nervensystem wirklich braucht

Veröffentlicht am Kategorisiert als Länger gut leben

Ich habe diesen Blog als Biohacking-Blog aufgesetzt. Warum? Weil ich Anglizismen so sehr liebe? Ehrlich gesagt fühle ich beim Wort Biohacking eine gewisse Ambivalenz.
Es vermittelt extrem zielstrebige, maskuline Selbstoptimierung. Am besten noch mit Hilfe von überteuerter Technik sodass wir sekundengenau messen können was unser Körper so treibt und mit den richtigen Mitteln eingreifen können, bevor alles aus dem Ruder läuft weil unser analytischer Verstand (die modernste aller Gottheiten) beschlossen hat, dass wir uns in einer Gesellschaft anpassen müssen, die sich -im Namen von Disziplin und Produktivität- Selbstaufgabe auf die Fahnen geschrieben hat. Das ist eine Win-win-win Situation für unser Wirtschaftssystem: zuerst kauft man sich die besagte Technik für das Fleißbienchen 2.0 Upgrade. Und da das meiste von dem Zeugs eh nicht hilft, gibt man dann noch mehr Geld aus, weil irgendetwas muss ja schließlich funktionieren.

Also wenn ich da so kritisch bin, warum ein Biohacking Blog? Weil die Forschung tatsächlich auch viele sehr interessante Zusammenhänge findet und diese Erkenntnisse nur ganz langsam -wenn überhaupt- in unser Gesundheitssystem einfließen. Darüber lohnt es sich absolut zu schreiben. Es gibt eben schon Hacks und Verhaltensänderungen, die funktionieren. Und dann ist da noch die Tatsache, dass Biohacking neben Optimierung auch eine Einladung ist, zu experimentieren und neugierig zu sein. Zu diesem Thema habe ich hier einen Artikel geschrieben.

Zu den Anglizismen: ich lebe mein Leben sehr zweisprachig und Hand aufs Herz versuche nicht möglichst ‚cool‘ zu klingen. Ich entlehne Wörter dann, wenn mir nichts besseres auf Deutsch einfällt.

Das Betriebssystem, das sich niemand freiwillig installiert

Unser modernes Leben basiert auf einem ziemlich konkreten Modell. Wir suchen uns das nicht bewusst aus, es etabliert sich schleichend über Schule, Eltern, die Existenz als Mensch im 21. Jahrhundert ‚aus dem bitteschön was werden soll‘.

Es geht ungefähr so: deine Zeit und Energie sind Ressourcen. Diese solltest du möglichst im Namen der Zielerreichung einsetzen. Dinge, die einen direkten Zweck erfüllen sind legitim. Dinge, die das nicht tun sind bestenfalls dazu da deine Speicher wieder aufzufüllen, ein zwar lästiger aber notwendiger Zeitvertreib, damit der Produktivitätsmotor ja nie zum Stillstand kommt. In diesem Modell sind Ruhepausen erlaubt. Urlaub ist erlaubt. Yoga, Massage, ein warmes Schaumbad: alles erlaubt, denn sie dienen der Regeneration. Sie verbessern deinen Zustand, sodass du wieder die Dinge tun kannst, die WIRKLICH wichtig sind.

Spieltrieb, reine Neugier, etwas zu tun einfach für den Funken der Lebensfreude, da wird die Sache unklar. Verboten sind sie nicht, aber das ist doch mehr für Kinder bevor „der Ernst des Lebens“ anfängt. Das geht nur mit Rechtfertigung: ich brauchte eine kurze Ablenkung, ich habe mir eine Pause verdient. Letzten Endes war es dann doch nützlich, weil… Vor allem dieser letzte Satz. Wir verteidigen Lebensfreude mit Nutzen.

Das ist die ‚Ernstfalle‘: der eingefleischte Glauben, dass deine Existenz durch das legitimiert wird, was du produzierst oder beiträgst. Dass Freude, wenn man sie nicht in irgendeiner Form nutzbar machen kann, verschwendet und verweichlicht ist und etwas, das du dann haben kannst, wenn du es dir verdient hast. Es läuft ständig ein unsichtbares Konto mit, auf das du einzahlen musst.

Das Konto, das immer mitläuft

Ich habe sehr lange unter diesem Modell gelebt und es auch nicht wirklich in Frage gestellt. Es hat sich angefühlt wie Verantwortungsbewusstsein. Und auch tugendhaft. Jetzt lebe ich immer noch damit, denn ich kann nicht und will auch nicht komplett aussteigen. Ich fühle mich tatsächlich verantwortlich, den Status Quo für meine Kinder in einem gewissen Maß zu erhalten und daher nichts Radikales zu unternehmen. Aber ich habe einen gewissen inneren Abstand entwickelt.

Das Problem mit der reinen Entspannung

Wenn das Betriebssystem plötzlich ausfällt durch Burnout, Krankheit, die Erschöpfung, die sich ganz langsam breitmacht, wenn du versuchst zu viele Bälle in der Luft zu halten oder einfach weil du sehr feinfühlig bist (das Modell kennt keine Gnade für die Vielfühlenden) dann verschreibt man dir Ruhe.
Mehr Schlaf, weniger Stress, probier’s mal mit Achtsamkeit. Buch dir eine Massage, reguliere dich runter. Been there, done that. Keine Frage Ruhe hilft, Achtsamkeit ist eine super Idee, ich bin dafür.

Aber ich möchte anmerken, dass das wahrscheinlich nicht ausreicht. Das Verschreiben von Ruhe und Regeneration basiert auf der Annahme, dass du ein erschöpftes System bist, das man auffüllen muss, bzw. den Stress ablassen. Einmal tanken und ein Ölwechsel damit es wieder laufen kann wie geschmiert.
Im Schlaf regenerieren und reparieren wir uns. Ruhe entlädt den aufgestauten Stress. Entspannung zeigt dem Nervensystem den Weg zurück von der Aktivierung in Richtung Neutralität. Aber: neutral ist nicht dasselbe wie lebendig. Hört sich das nicht sterbenslangweilig an: du hast die binäre Wahl zwischen Anspannung und Entspannung? 

Neutral ist nicht das Gleiche wie lebendig

Ich backe gerne Süßes. Das ist von Natur aus frivol, weil niemand Kuchen braucht. Das Backen bereitet mir Freude in mehrfacher Hinsicht: es macht mir Spaß zu planen: Methoden, Rezepte, Geschmacksrichtungen. Dann kommt das Backen selber wo der Plan sich in Luft auflöst auf die Realität trifft. Und dann bekomme ich natürlich noch den Genuss vom Essen und Teilen UND den positiven Zuspruch. Ja es ist eine Dopaminautobahn ; ) .
Eines der höchsten Komplimente ist „du solltest deine Kuchen verkaufen“. Das ist ehrliche Bewunderung (und ich liebe Komplimente über alles, immer her damit) aber: das ist die Ernstfalle in Aktion wie sie versucht, sich den Funken zu eigen zu machen.  Sie macht das, indem sie ihn für legitim erklärt, weil er nützlich sein könnte.
Aber in dem Moment, wo Kuchen zum Geschäft wird, geht etwas fundamentales verloren.
Weißt du was ich besonders mag an der Kunst des Backens? Dass die Kunstwerke gegessen werden und verschwinden wie eine Sandburg. Beim Sandburgen bauen geht es auch nicht darum, dass das Ergebnis überdauert. Die Vergänglichkeit ist sogar Teil des Werts. Worum geht es also? Wenn überhaupt dann um die Freude die dabei entsteht.

Wir reden sehr viel über die zwei Zustände unseres Nervensystems Aktivierung und Entspannung, als wären das die einzigen die uns interessieren sollten. Aber die Forschung legt nahe, dass das nicht der Fall ist. Was passiert also eigentlich, wenn wir alles andere ignorieren? Warum verdrängt die Ernstfalle sie so effektiv? Es lohnt sich kurz anzuschauen, was das Nervensystem eigentlich macht.

Das unvollständige Bild

Wenn wir vom Nervensystem sprechen, dann meinen wir meistens das autonome Nervensystem (ANS): dieses hat zwei Zweige: den sympathischen, der uns bei Gefahr mobilisiert und den parasympathischen, der es unserem Körper erlaubt, in ein Gleichgewicht zurückzukehren. Dieses System reguliert Dinge wie Puls, Atmung, Verdauung und Durchblutung. Es ist eine Art interne Ressourcenschnittstelle, die ständig entscheidet wo unsere Energie im Moment hinfließen sollte. Dieses System reagiert viel schneller als du einen bewussten Gedanken fassen kannst. Das ist auch gut so, du würdest es wohl vorziehen bei einem Tigerangriff auf den nächsten Baum zu klettern, als zu denken „Das sind aber schöne Streifen“. Es hat aber den Nachteil, dass eine unfreundliche Email  genau den gleichen Reflex auslöst und du dann mit geweiteten Pupillen und klopfendem Herz am Schreibtisch sitzt. Im Übrigen empfiehlt es sich genau deshalb aufzustehen (du könntest tatsächlich auf einen Baum klettern), damit dein Körper die entstandenen Hormone wieder abbauen kann, anstatt zu versuchen sich aus einer Situation herauszudenken, wo dein System schon längst entschieden hat, dass ein Tiger im Spiel ist.

Fast alles was unter Stressmanagement läuft, zielt darauf ab diesen regulatorischen Kreislauf in die richtigen Bahnen zu lenken. Fight/Flight (Kampf oder Flucht) und Rest/Digest (Ruhe und Verdauung). Und viele dieser Praktiken, die man uns empfiehlt: Schlaf, Atemübungen, Meditation, Yoga, lange Spaziergänge helfen wirklich, deinen Körper nach der Aktivierung ins Gleichgewicht zurückzubringen.

Aber dieses Bild des Nervensystems ist ziemlich unvollständig. Das autonome Nervensystem beschreibt zwar, wie der Körper Energie verteilt. Es erklärt aber nicht, was uns überhaupt dazu motiviert, diese Energie einzusetzen.

Älter als Sprache

Der Neurobiologe Jaak Panksepp1 verbrachte Jahrzehnte damit das „primäre emotionale System“ der Säugetiere zu untersuchen. Dabei handelt es sich NICHT um komplexe menschliche Gefühle, die Gedächtnis und Sprache miteinbeziehen.
Es sind subkortikale neuronale Schaltkreise, die tief im Gehirn sitzen und elementare Antriebe erzeugen. Zwei davon (er fand insgesamt sieben) nannte er SEEKING und PLAY.

SEEKING erzeugt Neugier und Forschungsdrang: den Impuls, den ein Tier braucht, um seine Umgebung zu erkunden und sich neue Möglichkeiten zu erschließen.
PLAY ist etwas anderes: spontane Interaktion, die nicht darauf ausgerichtet ist, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern darauf, mit der Welt in Kontakt zu treten. Das ist es, was ein Säugetiernervensystem tut, wenn es weder ums Überleben kämpft noch sich davon erholt, sondern aktiv beteiligt ist, einfach weil diese Beteiligung an sich lohnend ist.

Lachende Ratten

In seinen Studien entdeckte Panksepp, dass Ratten lachen2, wenn man sie kitzelt.
Wie bitte? Kitzeln war tatsächlich eine seiner bekanntesten und ganz sicher charmantesten Methoden. Und ja, dabei entstanden zuverlässig diese typischen 50kHz-Vokalisationen. Aber nicht nur dann. Sie traten auch in anderen Spielsituationen auf: beim Raufen unter Ratten, bei der Erwartung von Spiel, bei sozialer Interaktion mit bevorzugten Spielpartnern. Und vor allem: Die Ratten suchten sich das freiwillig aus. Sie folgten der Hand des Experimentators durch den Käfig. Sie kehrten an Orte zurück, an denen sie zuvor „gekitzelt“ worden waren. Das spricht gegen einen reinen Reflex. Es hat alle Merkmale von etwas, das tatsächlich gewollt und wiederholt gesucht wird. Diese 50kHz-Laute unterscheiden sich deutlich von anderen Rattenlauten. Es gibt auch 22kHz-Rufe ,die für Angst, Schmerz und Stress stehen. Akustisch und verhaltensmäßig sind das zwei völlig verschiedene Welten. Panksepp hat also nicht einfach „Erregung“ gemessen. Er hat etwas beobachtet, das stark nach positiver Erfahrung aussieht, vielleicht sogar nach Freude. Ein weiteres Detail: Junge Ratten, denen Spiel vorenthalten wird, spielen später intensiver, sobald sie die Möglichkeit dazu bekommen. Ein klassischer Rebound-Effekt, wie man ihn auch von Schlaf oder Hunger kennt. Das deutet darauf hin, dass es sich nicht um eine nette Option handelt, sondern um ein grundlegendes Bedürfnis.

Ausgerechnet Ratten. Ein Tier, das wir mit dunklen eher schmutzigen Orten verbinden. Aber ich frage mich, was sie wohl über uns sagen würden. Und wer hier eigentlich die fragwürdigere Spezies ist.

Panksepps „affektive Neurowissenschaft“ war einflussreich, aber auch umstritten, insbesondere was die Frage angeht inwieweit sich emotionale Zustände von Tieren auf den Menschen übertragen lassen. Aber was ich daraus mitnehme ist, dass es sehr kurzsichtig ist in Bezug auf eine ‚artgerechte‘ Lebensführung nur die Basiszustände des ANS zu berücksichtigen wenn Neugier und Spieltrieb ein fundamentaler Antrieb sind und nichts, was die Menschheit erfunden hat. Natürlich sind sie das nicht. Wir tun ja unser Bestes sie zu unterdrücken. Ohne anhaltenden Erfolg.

Der Zustand über den niemand spricht

Wenn wir uns nur darauf konzentrieren unser Nervensystem runterzuregulieren, dann steckt darin die Annahme dass wir eine vorübergehende Pause machen von dem, was wirklich zählt, und zudem wir möglichst schnell zurückkehren. Und das Tragische dabei ist das diese Rückkehr oft zu chronischem Stress auf einem niedrigen Niveau führt. Panksepp zeigte auch dass FEAR und PLAY sich gegenseitig unterdrücken. Es bedarf dafür nicht einer großen Krise. Ein anhaltendes Stressgrundrauschen von “nie genug” reicht aus, damit Pflicht und Verantwortung zu den Tigern werden, die uns jagen. Was wir dabei opfern ist ein Großteil dessen, was das Leben lebenswert macht.

Du musst Panksepp aber gar nicht gelesen haben, um zu Wissen von welchem Zustand ich schreibe: weder im Stress noch entspannt, sondern komplett im hier und jetzt. Ein Kind, das völlig vertieft etwas baut, ohne Plan. Ein Erwachsener, der beim Kochen eines komplizierten Gerichts die Zeit vergisst. Jemand, der ein Instrument in die Hand nimmt, das er seit Jahren nicht gespielt hat, und plötzlich für einen Moment ganz im Tun aufgeht. Es ist die besondere Qualität von Aufmerksamkeit, die entsteht, wenn man genau das tut, was sich gerade richtig anfühlt, ohne auf ein Ergebnis hinzusteuern und ohne dass im Hintergrund eine Uhr mitläuft.

Der Spiel-Forscher Stuart Brown3, der sich jahrzehntelang mit Spiel im Erwachsenenalter beschäftigt hat, beschreibt genau das: Spiel ist autotelisch: es ist sein eigener Zweck und braucht keine Rechtfertigung außerhalb von sich selbst.

Mihaly Csikszentmihalyi nannte diesen Zustand „Flow“4: vollständige Vertiefung, bei der Selbstbeobachtung in den Hintergrund tritt und sich das Zeitgefühl verschiebt. Das ist weder Aktivierung noch Erholung, sondern reines Eingebundensein. Natürlich haben wir dafür einen Nutzen gefunden.

Die Einladung

Das ist jetzt der Punkt, wo ich dich einlade aktiv zu werden. Ja, die Ironie dir eine Aufgabe zu geben, wo es doch um genüssliche, laszive Ziellosigkeit geht ist mir durchaus bewusst. Also halten wir es verspielt. Diese Woche: mach was was du wirklich tun willst und was kein Produktivitätsziel hat. Also nicht Entspannung im klassichen Sinn, sondern etwas mit einem Funken. Etwas was dich neugierig macht und dich wirklich reizt.

Starte einen Sauerteig (und versprich mir, dass du keine Mikrobäckerei aufmachst und auch keine Pläne schmiedest nie wieder Brot vom Bäcker zu kaufen). Koche was über einem Lagerfeuer. Nimm dir einen Stift und zeichne was obwohl du gar nicht zeichnen kannst. Leg’ dich ins Gras und beobachte was darin so vor sich geht. Lerne ein paar Griffe auf der Gitarre. Mach was extra aufwendiges nachdem keiner gefragt hat. Geh raus- und falls du mutig bist mach es nackt und im Regen. Die einzige Regel ist: sobald du anfängst darüber nachzudenken, was man daraus machen könnte, erkennst du den Gedanken an und kommst wieder zu dem zurück was du gerade machst.

Die Fläche unter der Kurve

Kommen wir noch mal auf den Kuchen zurück und auf die einfache Freude, etwas um seiner selbst willen zu machen. Ich glaube, genau hier lag lange mein Denkfehler: Ich habe mein Glück immer auf später verschoben. „Im Moment leben“ klang für mich hohl -und spirituell (ein halbes Schimpfwort)- weil der Moment meistens eben keine Feuerwerke bereithält. Nichts Besonderes, nichts Spektakuläres. Er ist nicht darauf ausgelegt, ein Höhepunkt zu sein. Wenn der Moment also ohnehin „zu wenig“ ist, dann liegt es nahe, ihn zu nutzen, um irgendeinen zukünftigen Moment besser zu machen. Oder? Heute sehe ich das anders. Ich denke inzwischen eher in Flächen als in Punkten. Glück ist für mich nicht der einzelne Höhepunkt, sondern die Fläche unter der Kurve eines Lebens. Wo entsteht mehr davon? Wenn die einzelnen Momente Bedeutung haben -vielleicht ohne große Ausschläge aber mit bewusstem täglichem Erleben? Oder wenn man auf einen fernen Höhepunkt hinarbeitet, der vielleicht nie erreicht wird? Und selbst wenn doch, wartet dahinter kein weiterer Höhepunkt, sondern ein unspektakulärer Abfall (ich habe mir das früher so vorgestellt als würde ich mich damit auf ein neues Plateau heben. Aber das ist nicht so: nach dem Ziel ist immer vor dem (nächsten) Ziel)

Eine kleine Bestärkung

Hier ist das Argument mit dem ich meinen inneren Widerstand niedrig halte (das ist eine Krücke falls du dir schwer tust, dir Erlaubnis zu geben (abgesehen davon: ich gebe dir hiermit die volle Erlaubnis dein Leben zu genießen): falls sich irgendetwas nützliches ergibt, eine neue Idee, ein unerwarteter Zusammenhang oder eine neue Fähigkeit ist das ein Bonus. Falls sich nichts nützliches ergibt: umso besser. Du hast ein System gefüttert, das wir ständig auf Diät setzen. Du warst lebendig ohne produktiv zu sein. Es gibt keinen Nachteil.

Die Ernstfalle möchte, dass du glaubst, dass ziellos verbrachte Zeit verlorene Zeit ist. Aber das PLAY System läuft nicht über Zielerfüllung. Es braucht Neugier und die Bereitschaft, seinem Antrieb zu folgen ohne dass es irgendwo hinführt. Nähre es, und du wirst du dich nicht nur momentan besser fühlen. Es ändert die Baseline. Es macht das Leben weniger grau.

Pflichterfüllung allein erzeugt kein voll gelebtes Leben. Verantwortung ohne Verspieltheit führt zu einem langsamen Verblassen. Man funktioniert, während etwas essentielles verstummt. Spielen ist kein sinnloser Luxus. Es ist kein Mangel an Verantwortungsbewusstsein. Es könnte sogar einer der einfachsten und übersehenen Biohacks sein. Mir ist klar, dass es ein bisschen verrückt ist für die Nützlichkeit der Nutzlosigkeit zu argumentieren. Also belasse ich es dabei und schließe mit einem Nietzsche Zitat: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. 5

PS: Falls du bis zum Ende durchgehalten hast und dich ein bisschen darin wiedererkannt hast, dann hast du möglicherweise das gleiche Grundproblem wie ich: Es ist richtig schwer sich zu erlauben einfach nur zu existieren. Und…ich bin da auch noch nicht ganz angekommen. An den Tagen, wo es mir schwerfällt, zoome ich mental raus Pale Blue Dot Style. Und ich betrachte unseren Planeten von ganz weit weg und denke mir: ist es nicht amüsant wie wichtig wir uns selbst nehmen. Und es erlaubt mir ein bisschen loszulassen. Nicht um irgendwas anders zu machen. Nur um loszulassen. Weil das Gewicht des Universums eben nicht auf meinen Schultern lastet. Ich bin eine Zeugin. Eine selbstbeobachtende Manifestation davon.


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  1. Panksepp, Jaak, Affective Neuroscience: The Foundations of Human and Animal Emotions (New York, NY
    , 1998; online edn, Oxford Academic, 31 Oct. 2023), https://doi.org/10.1093/oso/9780195096736.001.0001, accessed 20 Mar. 2026. ↩︎
  2. Burgdorf J, Panksepp J. Tickling induces reward in adolescent rats. Physiol Behav. 2001 Jan;72(1-2):167-73. doi: 10.1016/s0031-9384(00)00411-x. PMID: 11239994. ↩︎
  3. Brown, S., & Vaughan, C. (Collaborator). (2009). Play: How it shapes the brain, opens the imagination, and invigorates the soul. Avery/Penguin Group USA. ↩︎
  4. Csikszentmihalyi, Mihaly. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. ↩︎
  5. “Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird.
    Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
    Seht! Ich zeige euch den l e t z t e n M e n s c h e n.
    „Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?“ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.
    Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.
    „Wir haben das Glück erfunden“ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.” ↩︎

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