Long Covid: Der (nicht) ultimative Survival Guide

Veröffentlicht am Kategorisiert als Unter der Oberfläche
Winterlicher Wald mit schmalem Weg und kahlen Bäumen.
Hier habe ich ihn gehört. Den Satz, der mir eine neue Perspektive geschenkt hat.

Dieser Text ist kein Heilversprechen. Keine Sammlung von Biohacks. Auch kein Shortcut zurück ins Leben. Ich schreibe ihn, weil ich das Leben mit einer Krankheit, die alles auf den Kopf stellt und nichts davon wieder gerade rückt, selbst fast nicht ausgehalten habe.

Long Covid ist nicht nur eine Ansammlung mehrerer hundert Symptome, die einem keiner glaubt. Sie ist eine neue Lebenswirklichkeit, ohne offensichtlichen Ausweg. Sie nimmt dir viel, und wenn du Pech hast, gleich mehrfach das Gleiche.

Ich habe versucht, mich da durchzukämpfen. Mit allem, was ich hatte. Und bin wieder und wieder zusammengebrochen.

In diesem Text teile ich, was mir geholfen hat. Nicht im Sinne von Tipps, die du „umsetzen“ musst. Sondern als Gedanken, die du auf dich wirken lassen kannst. Vielleicht helfen sie dir, die Richtung zu halten, wenn sich alles verändert hat. Vielleicht schenken sie dir einen Moment der Erlaubnis. Oder einfach nur das Gefühl: Du bist nicht allein. Und falls du es noch nie mit einer chronischen Krankheit zu tun hattest: nimm es einfach als Erfahrungsbericht.

Na, heute schon eine Erwartung über Bord geworfen? Nein? Dann wird’s aber Zeit.
Mach’s dir bequem. Wir fangen an.

Suche nicht weiter, ruh dich aus

Du hast vermutlich schon alles versucht: Diäten, Nahrungsergänzung, Kälte, Hitze, Meditation, Gehirntraining, Therapie. Und vielleicht hast du sogar noch ein paar exotischere Methoden ausprobiert, die irgendwo zwischen verzweifelter Hoffnung und halbherziger Wissenschaft liegen. Welcome to the Club. Du hast dir gewünscht, dass wenigstens etwas davon funktioniert. Das hat es wahrscheinlich auch, aber eine Heilung kam dabei nicht heraus. Aber was, wenn das Ziel gar nicht ist, „alles besser zu machen“ sondern aufzuhören, ständig gegen dich selbst zu kämpfen?

Manchmal ist das Sofa nicht das Problem, sondern der einzige Ort, an dem du wieder bei dir selbst ankommst. Und zwar nicht um dich aufzugeben sondern um dich einfach wieder zu spüren. Denn nicht alles, was ruht, ist Stillstand. Und manche Prozesse brauchen Stille, um überhaupt beginnen zu können.

Und vielleicht ist es auch gar nicht das Sofa. Vielleicht ist es dein Bett. Irgendwann kommt der Moment, in dem du beschließt, (vorerst) nichts mehr zu googeln. Nichts mehr zu versuchen. Nichts mehr zu retten. Glaube mir ich weiss wovon ich rede. Ich spreche dir hier nicht das Recht ab, dich zu informieren und aktiv nach Lösungen zu suchen. Schließlich habe ich nicht umsonst einen Biohacking Blog angefangen. Aber mache den Aktionismus nicht zu deiner Religion.

Nichts zu erwarten kann befreiend sein

Mein Neujahrsvorsatz letztes Jahr war: Keine Erwartungen mehr. Keine inneren Verträge mit der Zukunft, keine unausgesprochenen Deals wie: „Wenn ich jetzt dieses Protokoll mache, dann wird es sicher bald besser.“ Und vor allem auch keine Deadlines mehr: bis zum Anfang des Sommers/Ende des Jahres bin ich wieder fit.

Ich wollte mich von dem Druck befreien, mich permanent optimieren zu müssen. Kein Ziel, kein spiritueller Hustle, kein Zwang, alles zu reframen. Ich wollte nur sein dürfen, ohne Gegenleistung. Und das Wort ‘Mindset’ ist sowieso mein Unwort des Jahres.

Wir wissen ja alle, dass keiner seine guten Vorsätze einhält. Natürlich habe ich es trotzdem versucht. Klaro. Ich bin schließlich jemand, der nicht wirklich stillhalten kann. Mein Kopf galoppiert gern wie ein von der Wespe gestochenes Rennpferd und redet sich dabei ein, dass das alles nur zu meinem Besten sei. Also ging ich einen Kompromiss ein, ließ die Wespe weg und machte es anders als sonst: ich folgte der Freude statt der Pflicht. Dem, was sich leicht und lebendig anfühlte. Ich dachte: Wenn ich diesem Impuls folge, dann kann nichts schiefgehen.

Und dann brach ich doch wieder zusammen. Härter als je zuvor.

Das war der schlimmste Crash meiner Long Covid-Geschichte, die jetzt ins vierte Jahr geht. Und es war kein Crash nach Überforderung. Es war ein Crash nach Hoffnung. Nach dem Gefühl: Jetzt geht es wieder aufwärts. Jetzt darf ich wieder. Und genau das machte es so schwer und so existenziell. Es ist etwas, das gern ignoriert wird, weil es nicht in das offizielle Narrativ passt, dass es ja nur ein Mangel an Disziplin ist (und sei es auch nur die Disziplin des positiven Denkens), der einen in diesem Zustand hält. Aber nein, ein High kann genauso überfordern. Been there done that. Left the t-shirt on the shelf.

Frau mit Langzeit-EKG-Elektrode über dem Herz, erschöpft aber lächelnd.
Ein Langzeit-EKG um herauszufinden warum sich mein Ruhepuls plötzlich fast verdoppelt hatte.

Auch „gute Anstrengung“ ist manchmal zu viel

Zuerst war da die klassische Anstrengung: Leistung, Disziplin, Struktur. Qualitätssiegel der Gesellschaft gibt’s kostenlos dazu.
Dann kam die gesundheitsorientierte Anstrengung: Fasten, Atemübungen, Nahrungsergänzung.
Dann die freudvolle: Tanzen, Kreativsein, Gespräche führen, Leichtigkeit suchen. Was könnte daran noch problematisch sein?!
Und natürlich die mentale: Affirmationen. Dankbarkeitstagebuch. Positives Denken. Das hilft auf jeden Fall! Hauptsache es war sich gut angestrengt. Ich habe so lange geglaubt, dass Anstrengung per se etwas Gutes sei. Dass Mühe ein Zeichen von Würde ist. Und von Charakter. Von „Ich tu was.“ Aber irgendwann kam der Punkt, an dem mein Körper sagte: jetzt reicht’s aber. Nicht in Worten. In völliger Erschöpfung und dem Gefühl, dass selbst Freude zu viel war.

Und so musste ich das loszulassen. Was bleibt, wenn man alles loslässt? Erst mal nichts. Ein Atemzug. Kein optimierter Box Breath Atemzug wohlgemerkt. Und natürlich die Panik sich einfach aufzulösen.

Es kommt ein Moment, der ist einfach leer

Ich spreche von dieser Art von Leere, in der nichts mehr funktioniert. In der du aufwachst und nicht weißt, warum du aufstehen solltest. Nicht aus Traurigkeit. Nicht aus Drama. Es ist die totale Abwesenheit von Willen. Nicht leben wollen. Nicht sterben wollen. Einfach… nichts.

Und gerade in dieser Stille passierte etwas. Kein Durchbruch, keine Erkenntnis, kein „Aha!“-Moment. Ich wollte ja nichts mehr. Und vor allem wollte ich auch gar nichts mehr wollen. Aber langsam kam da ein feines, unübersehbares Gefühl: Ich bin nicht getrennt. Ich war so allein wie nie, hatte natürlich das Gefühl, dass das nur mir passiert. Und gleichzeitig fühlte ich mich verbunden wie nie. Das Gefühl ‘allein’ zu sein und gleichzeitig gar nicht allein sein zu können weil ich -ob ich will oder nicht- Teil des grossen Ganzen bin, trägt mich bis heute.

Mein Weg ist nicht deiner. Und das ist okay

Ich war nie komplett bettlägerig. Ich konnte in Fragmenten noch Mutter sein, noch spazieren gehen, noch lachen. Und ich hatte Familie. Einen Mann, der zu mir steht und Eltern, die mir glaubten, auch als ich selbst nicht mehr wusste, was real war. Ich hatte auch das Privileg, innehalten zu können, zeitlich wie finanziell. Aber mein Gefühl dabei war ein ganz anderes. Denn nicht mehr auf eigenen Beinen zu stehen nahm mir jegliche Illusion von Sicherheit. Und meine berufliche Karriere ging dabei leider drauf.

Insgesamt war meine Lebenssitutation ein Geschenk. Ein riesiges. Und trotzdem: Du bist allein in deinem Körper. Niemand kann für dich ruhen. Niemand spürt deine Mikro-Crashes. Und erst recht niemand versteht, wie du noch spazieren gehen kannst aber nach einer halben Stunde geistiger Anstrengung 16 Stunden schlafen musst. (Dazu habe ich mittlerweile einen Erklärungsansatz.) Wer es nicht selbst erlebt hat, kann es dir nicht nachfühlen. Das macht einsam. Vielleicht brauchst du keine Tipps. Sondern nur einen Satz wie: Ich sehe dich. Du bist nicht kaputt. Auch nicht zu schwach. Du bist genau richtig auch jetzt. Gerade jetzt. Vergiss das nicht: Du bist kein Fehler im System. Du bist ein Mensch. Und das allein ist schon ein Geschenk

Was man von außen nicht sieht

Was man ebenfalls nicht sieht, sind die abgesagten Verabredungen. So viele, bis ich irgendwann gar keine mehr ausmachte, um mir den Schmerz zu ersparen. Man sieht nicht die Tränen, die ich weinte, während ich im Bett lag und meine Familie draußen in der Sonne lachte. Man sieht nicht die Schuldgefühle, wenn mein Kind mich fragte, warum ich nicht mitgehe. Nicht das Zögern bei jedem „vielleicht“, nicht die kleine Hoffnung, die wieder zusammenbricht, wenn der Körper nicht mitspielt. Man sieht nicht die Gratwanderung, die jeden Tag stattfindet – zwischen Rückzug und Hoffnung, zwischen Akzeptanz und Sehnsucht. Und man hört nicht die Gedanken, die nachts kommen, leise und hartnäckig: Bleibt es jetzt für immer so? Aber was man manchmal hört, sind Kommentare. Stechende Sätze, die Wespen für mein bereits oben erwähntes Rennpferd:
„Ich bin auch 40. Gehe gleich klettern. Dein Leben ist, was du draus machst.“

Mein Leben ist was ich draus mache

Ja, mein Leben ist, was ich draus mache. Aber nicht im Sinne von „Setz dir ein Ziel und zieh es durch.“ Nicht Disziplin, Comeback, Selbstoptimierung. Sondern: Ich nehme, was da ist. Ohne Bewertung, ohne Eile. Ich baue keine Brücke zum besseren Ich. Ich lasse mich auf das Jetzt ein und höre auf, mit der Gegenwart zu verhandeln, nur weil ich mir eine andere Zukunft wünsche.

Ja, ich habe wieder Pläne. Aber ich setze mich nicht unter Druck, sofort dort zu sein. Ich brauche kein besseres Ich, um heute schon ganz zu sein. Ich bleibe. Auch wenn es schwer ist. Vielleicht gerade dann. Nicht aus Resignation sondern aus Verbundenheit mit mir und mit dem Moment. Denn welche Überraschung, das Leben fließt auch in der ‘Warteschleife’ weiter. Ich habe die Kontrolle nicht zurückgewonnen, aber ich habe gelernt, nicht wie eine Ratte das sinkende Schiff zu verlassen, wenn gerade nichts geht. Und es ist eben keine Kapitulation. Es ist radikale Akzeptanz.
Eine Entscheidung, mich nicht zu verlieren auch wenn das Leben gerade andere Bedingungen stellt, als die, die ich mir gewünscht hätte.

Du bist nicht schuld. Und nicht machtlos

Die meisten Dinge, die dir geschehen, kannst du nicht kontrollieren.
Was die Krankheit angeht weder die Symptome, noch den Verlauf, noch die Rückfälle. Aber: Machtlos bist du nicht. Du hast Einfluss auf deine Haltung und auf deinen Umgang mit dir selbst. Und vielleicht, ganz vielleicht, liegt darin mehr Kraft, als man von außen sehen kann. Macht ist nicht gleich Aktivismus. Sie bedeutet nicht, ständig etwas zu tun oder zu leisten, sondern im vollen Bewusstsein zu leben. Eigene Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ob groß oder klein.

Gib die Verantwortung nicht vorschnell ans Schicksal ab, wo du selbst noch Handlungsspielraum hast. Denn genau das ist die Falle, in die man leicht tappt: Man will die Krankheit besiegen und kämpft sich an ihr ab. Aber gibt gleichzeitig all die kleinen Dinge aus der Hand, die eigentlich im eigenen Wirkungskreis liegen.

Vielleicht, damit später jemand anderes schuld sein kann. Aber ganz ehrlich? Du hast nichts davon, wenn jemand anderes schuld ist. Du brauchst keine Erlaubnis. Aber Klarheit, und die beginnt mit einem Satz: Das ist mein Leben. Und ich gestalte es, so gut ich kann und zwar hier und jetzt.

Zwei Zitate, die mich begleiten

„Wenn dich etwas Äußeres belastet, liegt der Schmerz nicht an der Sache selbst, sondern an deiner Bewertung – und die kannst du jederzeit zurücknehmen.“
Marcus Aurelius

„Du kannst die Wellen nicht stoppen, aber du kannst lernen, zu surfen.“
Jon Kabat-Zinn

Diese Zitate klingen harmlos. Fast zu einfach, um wahr zu sein. Und gleichzeitig verdammt schwer umzusetzen. Das stimmt. Aber ich kann heute sagen, dass es sich sehr viel leichter lebt, wenn man die Anwendung schafft. Ich sehe das nicht als Ziel, das es zu erreichen gilt. Aber es hilft sich immer wieder die eigene Macht klar zu machen. Denn darum geht es. Nicht mit einem Achselzucken alles hinzunehmen, sondern sich bewusst fur die eigene Reaktion zu entscheiden.
Marc Aurel war ein schlauer Kerl. Und hey – wenn es für einen römischen Kaiser funktioniert hat, dann darf es auch auf meinem Sofa gelten.

Wenn du etwas suchst, woran du dich halten kannst

Vielleicht findest du Halt in einer Philosophie: im Stoizismus oder bei Viktor Frankl (mit Religion habe ich es persönlich nicht so). Vielleicht in einem Blick, der dich nicht bewertet. Oder in einem Satz, der hängen bleibt. Oder in einem Spaziergang.
Das sage ich nicht so dahin. Für mich gibt es einen Satz, der eine Wende ausgelöst hat und gehört habe ich ihn in einem Hörbuch während eines Spaziergangs im winterlichen Wald. Ich weiss noch ganz genau wo. Und der Satz? Wenn du die Wahl hast zwischen Schuldgefühlen und Groll – wähle das Schuldgefühl. Er hat etwas verschoben. Mir die Opferhaltung von den Schultern genommen und mich gestärkt.

Ich hoffe, auch dieser Text kann dir ein bisschen Halt geben. Wie gesagt, fühle dich nicht verpflichtet irgendetwas mitzunehmen aus den letzten paar Abschnitten. Ich bin ich und du bist du. Das ist mein Weg, du hast möglicherweise einen ganz anderen. Von mir bekommst du nichts als Verständnis, du machst es nicht falsch wenn du im Moment keinen Ausweg siehst. Lass die Erwartungen sausen.

Sofa-style.


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3 Kommentare

  1. Liebe Konstanze,

    herzlichen Dank fürs Teilen deiner Erfahrungen und Reflektionen zu diesem Thema! Ich hoffe, dass das andere Betroffene inspiriert und ihnen Mut macht, ihren eigenen Weg weiter zu suchen … und das hoffentlich mit weniger “Kämpfen”!

    Radikale Akzeptanz ist nicht leicht – aber manchmal DER innere Wendepunkt.

    Auch wenn man es nicht vergleichen kann: Diese Haltung zu entwicklen, hat vor vielen Jahren auch bei meinem Burnout viel für mich verändert.

    Dein Text ist voller Weisheit, Lebendigkeit und Mitgefühl … man merkt, aus welcher Tiefe diese “Perlen” kommen!

    Ich freue mich darauf, hier noch mehr von dir zu lesen! 🙂

    Herzliche Grüße
    Cornelia

    1. Liebe Cornelia,
      vielen Dank für deinen tollen Kommentar. Ja, ich glaube die radikale Akzeptanz ist nichts was man einmal erreicht, sondern man arbeitet eben dran. Und sich damit keinen Druck zu machen gehört ja auch dazu 😀

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