Über Alternativen zum Dazugehören um jeden Preis
Neulich war ich mit einem ehemaligen Kollegen zum Mittagessen verabredet. Ein Mann (in meinem früheren Arbeitsumfeld gehörten die meisten Kolleginnen und Kollegen auf diese Seite der Geschlechterlinie). Er erzählte mir von einer Kollegin von ihm. „Sie ist eine echte Inspiration für mich“, sagte er. „Sie nimmt sogar an Meetings auf dem Weg zur Arbeit teil, weil ihr Mann so nutzlos ist, also macht sie eben alles.“ Sie arbeitet, kümmert sich um ihre Kinder, organisiert den gesamten Alltag. Und dann erinnert sie sich auch noch an genügend Details ihrer technischen Arbeit, um ein Meeting aus dem Komfort eines Staus heraus zu führen. „Findest du das nicht auch inspirierend?“ Ich spürte, wie sich mein Körper allein beim Zuhören anspannte, denn die spontane Antwort, die in mir aufstieg, war (ich hoffe und vermute, ich bin damit nicht allein): nein.
Diese Geschichte sagt so viel über die Welt aus, in der wir leben. Da ist eine Frau, die alles trägt und gleichzeitig perfekt produktiv bleibt, innerhalb eines Systems, das ihr nicht einmal eine Minute lässt, um auf sich selbst zu achten. Und trotz der inzwischen zunehmenden Diskussion über Mental Load nennen wir das immer noch inspirierend. Obwohl wir wohl langsam- manche schneller, manche langsamer – erkennen, dass das eigentlich keine besonders gute Idee ist, jagen wir weiterhin dem Ideal hinterher, alles haben, alles schaffen und alles sein zu können.
Zugegeben: diese weibliche Fähigkeit zur Anpassung ist beeindruckend.
Aber wir strapazieren weit über das gesunde Maß.
Der Preis der Anpassung
Gabor Maté beschreibt in seinem Buch Der Mythos des Normalen eine bedenkliche Entwicklung: Im Laufe des letzten Jahrhunderts sind viele Autoimmunerkrankungen zunehmend zu Frauenkrankheiten geworden. Seine Erklärung ist weniger biologisch als vielmehr kulturell und psychologisch. Viele Frauen lernen sehr früh, dass Zugehörigkeit Anpassung erfordert. Dass Liebe zerbrechlich sein kann. Und dass es sicherer ist, den Frieden zu wahren, als unbequeme Wahrheiten auszusprechen. In diesem letzten Punkt vor allem sind Mädchen oft anders sozialisiert als Jungen.
So werden wir zu Expertinnen darin, uns selbst zu übergehen.
Wir schlucken unseren Ärger herunter, ignorieren unsere Intuition (die man angeblich eh nicht zu ernst nehmen sollte, da kämen wir ja sonst wo hin), lächeln, obwohl etwas in uns eigentlich Nein sagt. Aber der Körper vergisst nicht. Manchmal beginnt das Immunsystem genau dieses Muster zu spiegeln: Es richtet sich nach innen und greift das Selbst an, das zuvor zum Verschwinden gebracht wurde. Und falls sich das für dich nach Victim Blaming anhört: nein, ganz im Gegenteil.
Ich kann nicht für diese Kollegin sprechen. Vielleicht ist sie glücklich, und das wäre wunderbar. Aber als jemand, der einmal ein ähnliches Leben geführt hat (und mein Mann ist übrigens keineswegs völlig nutzlos), kann ich sagen: Ich war es nicht. Ich trug damals eine riesige Kugel aus Groll und Wut in mir. Manchmal hatte ich das Gefühl, innerlich vergiftet zu sein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals gegoogelt habe: Warum bin ich so verdammt wütend?
Zwei begrenzte Versionen von Weiblichkeit
Heute scheint es oft, als würden Frauen zwischen zwei Karikaturen hin- und hergerissen. Auf der einen Seite steht die Erwartung, sich noch besser in das bestehende System einzufügen: höher, schneller, stärker, immer verfügbar, immer leistungsfähig. Boss Babe des Jahres. Programme, die mehr Frauen in die MINT-Fächer bringen sollen. Versteh mich nicht falsch, ich sage nicht, dass das grundsätzlich eine schlechte Idee ist. Aber noch immer werden wir so behandelt, als würden Frauen gerade erst beginnen, diese Räume zu betreten. Dabei waren Frauen schon immer Teil der intellektuellen und kreativen Geschichte der Menschheit. Es gab Ingenieurinnen, Mathematikerinnen und Programmiererinnen lange bevor manche Ecken der Tech-Welt begannen so zu tun, als sei die Informatik ausschließlich von Hoodie tragenden Männern in San Francisco erfunden worden.
Und auf der anderen Seite steht ein altes Rollenbild, das gerade wieder erstaunlich an Boden gewinnt: die Frau, die an Küche, Haushalt und Kinder gebunden ist. Sie opfert sich auf, unterstützt andere und macht sich selbst klein für das „größere Ganze“. Die Fähigkeit, Leben hervorzubringen, bei weitem der beeindruckendste biologische Prozess überhaupt, wurde oft dazu benutzt, die Rolle von Frauen auf etwas sehr Enges zu reduzieren: Kinder großziehen und Abendessen kochen. Doch der Funke, der Leben hervorbringt, beschränkt sich nicht auf Nachwuchs und Suppe. Er zeigt sich auch in Kreativität, Intuition, relationaler Intelligenz. In der Fähigkeit, Komplexität zu halten, Muster zu erkennen und Dinge miteinander zu verbinden, die auf den ersten Blick getrennt erscheinen.
Seit Jahrhunderten ist unsere Zivilisation geradezu besessen davon, die Welt in immer kleinere Teile zu zerlegen. Wir haben Disziplinen erfunden, Wissen spezialisiert, Materie in Moleküle, Atome und Quarks zerlegt. Wir sind unglaublich gut darin geworden, zu analysieren und Dinge in immer feinere Fragmente zu trennen. Und ja, auch das ist beeindruckend. Wir haben unendlich viel über das Universum gelernt, in dem wir leben. Aber dabei haben wir auch Scheuklappen aufgesetzt. Die Wissenschaft kann nur das entdecken, was sie messen kann. Und irgendwo auf dem Weg haben wir eine komplementäre Fähigkeit verlernt: das Ganze wieder zu sehen, auch die Teile, die sich unseren Instrumenten entziehen. Die Stücke wieder zusammenzufügen. Verbindungen zu halten, statt nur zu zerlegen.
Was ist Mut?
Als ich diesem Kollegen erzählte, dass ich einmal per Anhalter durch Osteuropa gereist bin, schaute er mich an und sagte: „Das ist aber sehr mutig.“ Du hörst schon was darin mitschwingt: da hattest du aber Glück, dass nichts passiert ist. Oder: auf eine so doofe Idee muss man erst mal kommen. Und ja, natürlich war es mutig. Denn wir haben große Angst davor, uns fremden Menschen auszuliefern. Ich würde sagen viele der mutigsten Dinge, die ich in meinem Leben getan habe waren gar nicht die, die von außen besonders beeindruckend wirken.
Nicht das Studium in einer männerdominierten Disziplin.
Nicht der Doktortitel. Nicht Vorträge auf Konferenzen- obwohl mich das früher so in Panik versetzt hat, dass ich beim bloßen Üben beinahe einen Nervenzusammenbruch bekommen hätte (deshalb waren meine Vorträge meist eher spontan). All das erfordert analytische Fähigkeiten, Ausdauer, Disziplin und den Mut, immer wieder den nächsten Schritt zu gehen. Das sind die scharfen, harten Eigenschaften, auf denen unsere konventionelle Vorstellung von Erfolg beruht.
Doch der Mut, der mein Leben viel tiefer geprägt hat, ist ein ganz anderer: der Mut, ein offenes Herz zu behalten. Der Mut, die eigenen Schutzschilde weit genug zu senken, um neugierig auf andere Menschen zu bleiben. Dem Leben so weit zu vertrauen, dass man sich wirklich darauf einlässt. Der Versuchung zu widerstehen, zu verhärten, sich zurückzuziehen, zu dominieren oder abzuschalten. Solche Offenheit wird oft mit Naivität verwechselt. Aber sie ist keine fragile Weichheit. Ihre Kraft wird leicht übersehen, weil sie nicht wie die scharfe Kante eines Schwertes oder eine Kanonenkugel wirkt, also wie eine Kraft, die sich auf eine sehr kleine Fläche konzentriert. Sie ist eher wie die Sonne, die auf alles scheint.
Über Jahrhunderte hinweg haben wir Stärke als Dominanz definiert: Wettbewerb, Eroberung, Gewinnen, Berge erklimmen, das Rennen gegen andere gewinnen. Dieses Modell hat die moderne Welt aufgebaut und die Menschheit sehr weit gebracht. Aber es hat uns auch an ökologische und soziale Grenzen geführt.
Was eine Geschichte vollständig macht
Was macht eigentlich eine gute Geschichte aus? Meist braucht sie ein Problem und eine Heldin oder einen Helden, der sich auf eine Reise begibt, um es zu lösen. Aber was bringt jemanden überhaupt dazu, sein Leben für so etwas zu riskieren? Oft ist die Liebesgeschichte dahinter das schlagende Herz der Erzählung, der Grund, der alles zusammenhält. In vielen modernen Geschichten, besonders im Film, wurde Liebe allerdings auf etwas viel Kleineres reduziert: auf sexuelle Anziehung oder romantische Erfüllung.
Doch Liebe weist auf etwas Tieferes hin: darauf, dass das Leben erst dann wirklich sinnvoll wird, wenn die verschiedenen Teile unseres Menschseins wieder zusammenfinden.
Es geht nicht um Männer gegen Frauen. Und es geht auch nicht um Wettbewerb gegen Rückzug. Es geht um die Ganzheit des Menschseins und um die Einsicht, dass eine wirklich menschliche Welt das gesamte Spektrum dessen braucht, was wir als Menschen sind.
Vielleicht besteht die Revolution, auf die wir warten, also gar nicht darin, dass Frauen beweisen, dass wir innerhalb dieses Systems genauso gut oder sogar besser funktionieren können.
Vielleicht ist sie etwas viel Radikaleres: eine Form von Stärke, die das Herz offen hält. Eine solche Stärke erobert die Welt nicht. Sie umhüllt sie, öffnet sie und verbindet sie gleichzeitig. Und gerade deshalb ist sie unaufhaltsam.
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