Beruf und Berufung: Ein Brief an mein jüngeres Ich

Veröffentlicht am Kategorisiert als Unter der Oberfläche

Dieser Text entstand im Rahmen einer Blogparade zum Thema Beruf und Berufung meiner Freundin Cornelia Lichtner.
Da habe ich mal wieder eine Deadline so richtig versemmelt, denn es hat ein gutes halbes Jahr gedauert bis zur Veröffentlichung aber hey, ich sage es mal mit Douglas Adams: “I love deadlines. I love the whooshing noise they make as they go by.
Vielen lieben Dank für den Aufruf.


Liebes Ich,

du dachtest, mit 42 würdest du entweder ein Weltrettungs-Startup gegründet haben oder auf der Rednerbühne von TED stehen…bis auf dass es die damals noch nicht gab und du eigentlich lieber die Fäden ziehst, als die Rampensau raushängen zu lassen.

Stattdessen sitzt du gerade in einem nicht ganz gelben Reihenhaus mit Garten und schreibst an einem Blogartikel über Lipidtransport. Du folgst deiner Neugier, tauchst tief in komplexe Zusammenhänge ein und machst sie (hoffentlich) zugänglich und unterhaltsam.
Du übst dich als Übersetzerin zwischen Wissenschaft und Alltag, zwischen Systembiologie und Selbstwahrnehmung. Was dich erfüllt, ist nicht nur das Verstehen, sondern das Weitergeben.
Und dabei entsteht als Zugabe eine neue zärtliche Verbindung mit dem eigenen Körper, mit dem Leben, mit etwas Größerem.

Hier sind fünf Dinge, die ich gern früher gewusst oder bestätigt gehabt hätte.
Vorher aber noch das Wichtigste:
Du bist mutig. Und neugierig. Und offen für die Welt.
Du hinterfragst Dinge, die andere einfach hinnehmen. Das ist anstrengend aber wichtig.
Und du kannst Vielschichtigkeit und Unklarheit nicht nur ertragen sondern sogar begrüßen. Das können nicht viele.
Danke, dass du deinem Weg folgst, auch wenn er oft unklar ist.

Richtunswechsel sind erlaubt

Du wirst Dinge studieren, die dich faszinieren. Und ich bin stolz, dass du deiner Leidenschaft folgst. Trotzdem wirst du feststellen, dass du irgendwann etwas ganz anderes willst. Du wirst dich von der Mathematik zur Gesundheit hangeln. Das bedeutet nicht, dass du versagst. Oder nicht “bei der Stange” bleiben kannst. Die Welt ist dein Spielplatz und das ist eine Stärke.
Dementsprechend ist Berufung ist für uns kein einmal gefundenes Schicksal (sorrryyyy) , sondern ein…naja Ruf ins Ungewisse.

Identität ist kein Vertrag

Du wirst dich an manche Etiketten klammern: „Wissenschaftlerin“. „Unabhängig“. „Stark“. oder auch “Krank”
Und irgendwann wirst du merken, dass sie dich mehr einengen als tragen. Du darfst dich umentscheiden. Du darfst sogar einfach nur „Mensch“ sein ganz ohne Etikett, ohne Haltung, ohne Beweisstück. Identität ist kein Vertrag. Kein Titel, den man behalten muss.
Sie ist eher wie Kleidung, die manchmal nicht mehr passt oder plötzlich drückt, obwohl sie mal deine Lieblingsjacke war. Du darfst dich immer wieder neu einkleiden. Und irgendwann wirst du spüren: Das, was du wählst, wählt auch dich.

Eine junge und eine etwas ältere Frau
Juni 2006 vs Januar 2026. Fast 20 Jahre aber die zumindest die Haare sind immer noch gleich

Stolz, Trotz und Stärke

Du bist stark. Und sensibel bist du auch. Das ist kein Widerspruch sondern dein Kern. Du hältst aus. Und du fühlst tief. Und genau das macht dich zu dem Menschen, der Brücken bauen kann. Du warst übergewichtig. Du hast dich geschämt. Und gleichzeitig getrotzt:
„Nehmt mich verdammt noch mal ernst egal, wie ich aussehe.“

Du wolltest dazugehören, ohne dich zu verbiegen. Und du wolltest gesehen werden, nicht bewertet. Obwohl du dich später befreit hast, hast du auch dem Druck nachgegeben. Das jetzige Ich weiß, wie zwiespältig sich das anfühlt. Aber diese Spannung hat dich geprägt. Sie hat dir ein Gespür dafür gegeben, was Menschen wirklich brauchen: Würde. Gesehen und trotzdem oder gerade deswegen akzeptiert zu werden. Sein zu dürfen, wie sie sind.

Deine Berufung entsteht nicht trotz dieser Erfahrung, sondern wegen ihr. Weil du weißt, wie es ist, zwischen Scham und Trotz zu leben. Und weil du genau deshalb etwas schaffen willst, wo man sich nicht erst beweisen muss, um gesehen zu werden.

Erfolg und Verpflichtung

Nur weil du etwas kannst, heißt das nicht, dass du es machen musst. Kompetenz ist keine Verpflichtung. Du darfst Dinge lassen, die dich kalt lassen selbst wenn du gut darin bist. Du darfst dich für das entscheiden, was dich nährt auch wenn es auf dem Papier weniger beeindruckend aussieht.

Dir wurde mal gesagt, du seist faul, weil du dich in der Schule nicht so engagiert hast wie erwartet. Aber weißt du was? Du hast dir gleichzeitig aus reiner Neugier und freiwillig lineare Algebra beigebracht. Du warst nie faul. Aber es ging eben auch nie ohne Motivation.
Du kannst aufhören das als Schwäche zu sehen. Denn es ist genausogut eine Superkraft. Es fällt dir so leicht dich in Themen einzuarbeiten, die dich interessieren, dass du es als selbstverständlich ansiehst. Aber das ist es gar nicht. Es ist eine Gabe.

Es wird Momente geben, in denen du dich fragst, ob du „genug erreicht“ hast. Aber irgendwann wirst du merken: Erfolg ist kein Ziel das man erreicht wie wenn man einen Berg besteigt. Sondern eher das Gefühl, etwas geschaffen zu haben, und einen Weg zu gehen, der zu dir gehört. Und den Perfektionismus kannst du tatsächlich in den Wind schießen wenn es nach mir geht.

Der Zwischenraum ist auch ein Ort.

Du wirst Zeiten erleben, in denen du zwischen allem stehst: Beruf und Berufung, früher und später, am Abgrund des Altbekannten. Und du wirst denken: Ich muss doch wissen, was ich will! Nein. Musst du nicht. Der Zwischenraum ist kein Fehler.
Manchmal braucht es genau dieses Vakuum, damit etwas Neues entstehen kann. Vielleicht kann man sich dort sogar häuslich einrichten. Ich teste das noch. Du hast gedacht, du müsstest Großes leisten, um Bedeutung zu haben.
Aber weißt du was? Solange du weiter Fragen stellst, das Leben an dich ranlässt und dir unterwegs der Wind um die Nase weht, kannst du tanzende Sterne gebären.

Bleib neugierig. Bleib bei dir. Und wenn du mal zweifelst: Lies diesen Brief noch einmal.

Deine ältere Version
(Die übrigens auch nicht viel mehr weiß als du. Aber die heute ein bisschen weniger Angst davor hat)

PS: Und wenn du auf Ratschläge hoffst, dann vielleicht diese hier: Du musst dich nicht finden. Du darfst dich einfach bleiben, so wie du jetzt bist. Und falls du manchmal verbissen bist: Sei es ruhig. Auch das hat seinen Platz. Du wirst nicht daran zerbrechen. Nur schnauf auch mal durch zwischendrin. Sei zärtlich mit dir, wenn du kannst. Und wenn nicht, dann halte trotzdem zu dir. Das reicht.


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5 Kommentare

    1. Liebe Cornelia,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Und natürlich für die Inspiration ihn überhaupt zu schreiben. Die Resonanz ist das was das Bloggen lebendig macht.
      Liebe Grüße
      Konstanze

  1. Liebe Konstanze,
    ich finde mich in deinen Worte so sehr wieder, dass es auch meinem jüngeren
    Ich gut getan hat, diesen Brief zu lesen. Ich müsste nur wenige kleine Details austauschen und zum Glück hat mich niemand faul genannt. Oder ich habe es nicht mitbekommen.
    Liebe Grüße in das nicht ganz gelbe Reihenhaus
    Angela

    1. Liebe Angela,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Das freut mich sehr, dass du dich darin wiederfindest. Und ich weiss es ungemein zu schätzen, dass du dir die Zeit genommen hast zu kommentieren.
      Liebe Grüße aus dem nicht ganz gelben Reihenhaus
      Konstanze

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