Ich studiere Ernährungswissenschaften und habe keine Traumfigur -und das ist auch gut so!

Veröffentlicht am Kategorisiert als Länger gut leben
Ich geniesse Zeit in der Sonne auf meinem Paddelbrett
So sieht mein Körper heute aus: stark, beweglich, manchmal müde, aber auf meiner Seite.

Ich studiere Ernährungswissenschaften. Und ich habe keinen Traumkörper. Nicht mal knapp daneben. Eher so: ein echter Körper. Einer, der lebt, trägt, kompensiert, sich meldet, manchmal streikt, oft erstaunlich loyal mitzieht und längst mehr Geschichte in sich trägt, als irgendein Vorher-Nachher-Bild erzählen könnte.

Unsere Beziehung war nicht geradlinig. Aber für wen ist das schon so. Als Kind war ich normalgewichtig. In meiner Jugend habe ich durch extremen Stress zugenommen. Essen war damals Teil meines Überlebensrepertoires. Andere greifen zu drastischeren Dingen, ich habe eben gegessen. Rückblickend war das nicht ideal, aber auch nicht die schlechteste verfügbare Lösung.

Trotzdem wurde mein Körper in dieser Zeit zu etwas, mit dem ich ein Problem hatte. Oder genauer: zu etwas, das ich für das Problem hielt.

Ein Wendepunkt im Dorfladen

Es gab einen ziemlich klaren Moment in meinem Leben, in dem ich dachte: nein, so nicht weiter.

Es war ein Winternachmittag nach dem Skifahren inn einem kleinen Laden in Serfaus. Ich weiß das Datum ziemlich genau, weil ich mir dort eine Zeitschrift gekauft habe, die ich immer noch besitze. Natürlich mit einem wunderbar subtilen Titel in Richtung „Bikini-fit bis zum 1. Juni“ Ja ich weiß erst mal ein ziemlich doofer Titel.

Und trotzdem war in diesem Heft etwas drin, das bei mir hängen blieb: die Idee, nicht alles auf einmal umzukrempeln. Keine Perfektion oder Radikalkur sondern fang irgendwo an und beweg ein paar Stellschrauben. Das habe ich dann auch getan. Ich habe die Freude an Bewegung wiedergefunden und mein Essen verändert. Nicht exakt nach Zeitschrift, das hätte dann doch etwas von fremdgesteuerter Lebenssanierung gehabt. Aber die Richtung stimmte. Und vor allem ging es ohne Zwang.

Titelbild der Zeitschrift AMICA aus den 2000ern mit einer schlanken Frau im pinken Bikini. Großschrift: „BIKINI-FIT BIS ZUM 1. JUNI“.
Dieses Magazin habe ich damals gekauft, nicht wegen sondern eher trotz des Titels. SO sieht mein Körper auch heute nicht aus. Warum auch? Schon krass, diese ‘Erwartung’.

Kein Zwang, keine Verbote

Ich habe irgendwann ziemlich viel Sport gemacht. Aber ich habe auch bewusst immer einen Vorrat an Schokoriegeln zuhause gehabt. Sie lagen nicht versteckt, sondern offen in einer Schale auf dem Regal.
Falls ich wirklich Lust auf Süßes hatte, wollte ich genau das haben, was ich mir ausgesucht hatte. Für mich war es entscheidend, dass es keinen Zwang gab. Kein heimliches “Verboten!”-Schild im Kopf, das zur Rebellion anregt.
Ich sage nicht, dass das für jeden funktioniert aber für mich war diese Haltung der Schlüssel, dass Essen nicht ständig ein Kampf blieb.
Obwohl ich früher adipös war, obwohl ich mehr Fettzellen mit mir herumtrage als andere Menschen, habe ich gelernt und trainiert, meiner Intuition zu vertrauen.
Auch als ich chronisch krank wurde, habe ich gemerkt: Mein Körper zieht mit. Wir haben zusammen entschieden, was uns gut tut.
Ich mache das immer noch so mit den Süßigkeiten, aber in abgewandelter Form: wenn der Nährwert eines Nahrungsmittels nicht so toll ist, dann sollte zumindest der Genusswert hoch sein.

Zahlen, die für sich sprechen

Hier noch ein paar Zahlen: zu meinen schwersten Zeiten war ich so um die 100kg (BMI 32) schwer. Seit dieser Umstellung bin ich so zwischen 68-73Kg (BMI 22-23). Dass mein Gewicht heute noch stabil ist, auch über meine Schwangerschaften hinweg nach zwanzig Jahren, finde ich beeindruckend. Da gibt mir auch die Statistik recht: die Rückfallquote bei so grossen Abnahmen liegt bei geschätzten 97-98%.
Aber: bin ich jetzt dünn? Nein. Bin ich normalgewichtig? Ja. Habe ich den Körper, den man gern auf ein Cover druckt? Eher nicht.

Vier Gründe, warum ich nicht dünner sein muss

Ja, es gibt auch in mir immer wieder diese Stimme, die sagt:
“Du könntest dünner sein.”
“Du könntest definierter aussehen.”
Aber es gibt gute Gründe warum ich mich nicht deswegen verändere.

Gesundheit statt Applaus

Wäre es gesünder für mich, dünner zu sein? Ich ernähre mich so, dass ich keine Mangelerscheinungen habe. Ich habe Energie. Mein Zyklus funktioniert. Meine Blutwerte sind unauffällig. Ich regeneriere gut, wenn ich mich bewege.
Und ich kann meine Kinder tragen (uff gerade noch so), schwere Einkäufe schleppen, wandern gehen, tanzen, lachen. Was genau soll ein paar Kilo weniger mir bringen außer dem kurzfristigen Applaus von außen? Ich war sogar froh über meine Reserven, als ich meine Fastenexperimente startete. Und trotzdem hat das Fasten zu Haarausfall geführt. Eine kleine Erinnerung, dass solche drastischen Interventionen Kehrseiten haben.

Kraft ist für mich wichtiger als „Schönheit“

Falls man es überhaupt so nennen möchte, denn wer legt bitte fest, was schön ist?
Ich liebe es, dass mein Körper sich stark anfühlt. Dass ich Muskeln habe, die funktionieren, nicht nur dekorativ sind. Dass ich Reserven habe für Tage, an denen ich mehr Energie brauche.
Und dass ich weiß: ich kann mich auf mich verlassen.
Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, die mich tief beeindruckt hat: als ich anfing, intermittierend zu fasten oder beim Wandern längere Pausen ohne Essen einzulegen, hatte ich insgeheim Angst, “unterzuckert” zusammenzuklappen. Ich hatte gehört und geglaubt, dass ich ohne ständige Energiezufuhr nicht leistungsfähig wäre.
Und dann war ich fast freudig erstaunt, wie zuverlässig mein Körper auf seine Reserven zurückgegriffen hat. Wie stabil mein Blutzucker geblieben ist. Und wie klar mein Kopf war, wenn ich nicht alle zwei Stunden nach Nahrung suchte.

Diese metabolische Flexibilität: die Fähigkeit, je nach Bedarf Kohlenhydrate oder Fett zu nutzen, möchte ich mir unbedingt erhalten. Für mich ist sie ein Symbol: Mein Körper kann mehr, als ich ihm oft zugetraut habe. Und das meiste geht unter der Haube ohne mein Zutun vonstatten.

Ich verkaufe kein Idealbild

Mein Körper ist kein Werbeplakat, sondern ein Erfahrungsprotokoll. Ich verkaufe keine schnellen Lösungen oder perfekte Vorher-Nachher-Fotos. Ich verkaufe Klarheit, Erfahrung, Mitgefühl. Und den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen.
Ich bin nicht für one-size-fits-all Lösungen. Ich möchte zum Einen kein Influencerbild künstlich aufrechterhalten, das mir ein paar Jahre später um die Ohren fliegt. Zum anderen:
Wir sind alle Individuen, und das ist gut so.
Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, mein äußeres Erscheinungsbild als Aushängeschild zu nutzen. Meine Kompetenz misst sich nicht an meiner Kleidergröße. Mein Wert als Ernährungswissenschaftlerin hängt nicht davon ab, ob jemand meinen Körper als “Vorbild” empfindet. Und ich bin auch kein Abnehmcoach. Ich finde Abnehmen keineswegs verwerflich oder oberflächlich. Ich denke nur, wir machen es oft aus Gründen, die uns langfristig keinen Gefallen tun. Und dann ist der Erfolg auch nicht von Dauer.

Keine Konformität um der Konformität willen

Last but not least: ich habe gelernt, dass ich mich nicht in eine gesellschaftliche Form pressen muss.
Mein Aussehen war mir nie besonders wichtig – höchstens in so weit, dass ich nicht angepöbelt werde oder es zu meinem Alleinstellungsmerkmal wird.
Sich anzupassen, nur um zu gefallen, stand immer sehr weit unten auf meiner Prioritätenliste. Anpassung kostet extrem viel Energie, die ich lieber in andere Dinge investieren möchte.

Die Illusion der Perfektion

Und trotzdem: auch ich fühle den Druck zur Perfektion. Das ständige Gefühl alles müsse makellos sein. Dass man als Frau nicht nur irgendwie gesund sein darf, sondern bitteschön auch perfekt trainiert, faltenfrei, ästhetisch. Auch direkt nach dem Fallschirmsprung.
Ich habe oft das Gefühl, dass dieser Druck Frauen stärker betrifft als Männer. Und leider bewegen wir uns zwar in Richtung Gleichberechtigung aber eher dahingehend, dass Männer zunehmend Essstörungen entwickeln.

Es reicht nicht, sich “nur” wohlzufühlen – es muss aussehen, als hättest du alles jederzeit unter Kontrolle. Dein Körper soll Beweisstück A sein, dass du fleißig, diszipliniert, erfolgreich bist. Aber das Leben ist nicht schwarz-weiß. Ich bin irgendwo in der Mitte gelandet mit meinem Körper. Nicht dünn, nicht dick. Nicht straff, nicht völlig aus der Form. Mein Körper lebt.

Hätte ich es lieber sein lassen sollen, nur weil ich immer noch kein Bikinimodel bin?
Vielleicht bin ich sogar weniger ein Bikinimodell als je zuvor – meine Haut ist nicht straff und ich könnte sie niemals so retuschieren, dass sie einer Illusion entspricht. Aber warum sollte ich das müssen? Warum sollte das meine Glaubwürdigkeit mindern?
Warum sollte das meine Geschichte weniger wertvoll machen?

Eine Frau auf einem Klettersteig in der Sächsischen Schweiz
Sächsische Schweiz 2004. Auch ‘vorher-ich’ ließ sich mangels Traumkörper nicht vom Leben abhalten.

Ein Funke, der schon lange da war

Ich habe übrigens schon 2006 überlegt, auszuscheren aus der Mathematik. Damals war meine Idee, sowas wie mymuesli zu gründen. Denn ich hatte dieses perfekte Frühstück mit Haferflocken für mich gefunden und dachte: Wie toll wäre es, wenn man das selber variieren könnte – ohne all diese Zuckerzusätze?
Aber anstatt den Sprung zu wagen, habe ich jahrelang anonym in Körperakzeptanz- und Abnehmforen gepostet. Denn nein: das eine schließt das andere nicht aus.
Akzeptanz und Veränderung können gleichzeitig existieren. Ich mixe mir übrigens nach wie vor mein eigenes Müsli.

Also ja: der Funke war schon lange da. Was mich jetzt dazu bewegt, mich endlich meinem jahrzehntelangen Interesse zu widmen, ist nicht nur die aktuelle polarisierte politische Lage, sondern auch der Einfluss von Social Media. Ein zweischneidiges Schwert: Ich bin dankbar, dass ich mich darüber verbinden kann mit Menschen, Ideen und Inspiration. Aber gleichzeitig ist es auch eine Echokammer. Es werden perfekt gefilterte und geglättete Bilder gezeigt von Körpern, Alltagen und Persönlichkeiten. Und auch wenn wir rational wissen, dass das nicht die ganze Wahrheit ist, wirkt es trotzdem. Es macht etwas mit uns.
Und genau deshalb: Ich bin kein Fan von extremen Lagern. Health at every size klingt für mich genauso wenig plausibel wie der durchgetaktete Lifestyle von Hochglanz-Gym-Bunnies.
Ich glaube an den individuellen Weg. An Eigenverantwortung statt Selbstoptimierungswahn. An Beziehung statt Kontrolle. Denn ich bin überzeugt: Frieden, Freude, Eierkuchen- das alles beginnt von innen. Mit dem eigenen Körper.

Die Vorteile der Imperfektion

Weißt du, was vielleicht das Beste daran ist, keinen Traumkörper zu haben? Dass das ganze Thema in mir lebendig bleibt. Dass ich nicht denke: Jetzt ist alles erledigt, ich bin fertig, ich bin perfekt. Sondern dass ich immer noch neugierig bin, immer noch lernen darf.

Es hat mich empathischer gemacht für andere, die kämpfen, die zweifeln und die sich zu viel vornehmen. Es hat mich gelehrt, mit meinem Körper ein Team zu sein. Nicht mein eigener Drill-Instructor.

Es bedeutet, dass ich keine Extremdiät brauche. Dass ich mein Essen genießen kann. Dass ich die Kuchen, die ich regelmäßig backe, nicht heimlich essen muss. Und dass ich atmen kann, ohne ständig zu überlegen, wie ich wirke. Und wenn ich dann mal wirklich eine Änderung brauche zieht mein Körper mit. Aber viele von uns behandeln ihren Körper schlechter als ihr Haustier. Wie soll da Vertrauen entstehen? Du kannst dir dich als Eisberg vorstellen: weniger als ein Prozent aller Eindrücke landen im Bewusstsein. Der Rest wird im Untergrund verarbeitet und dort wird sich durchaus eine Meinung gebildet. Die vielgepriesene Willensstärke ist nur ein kleiner Reiter auf einem grossen Elefant. Du kannst versuchen, ihn in eine Richtung zu ziehen, aber wenn der Elefant nicht mitwill, wird es schwer. Vertrauen entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Beziehung. Und ich glaube deshalb gehöre ich zu diesen zwei Prozent, die ihre Abnahme langfristig halten konnten. Ich kann dir sagen, dass mir in diesem Moment ein Schauer über den Rücken läuft. Ich werte das als systemische Zustimmung.

Eine Feuertaufe

Die letzten drei Jahre waren ein echter Härtetest. Eine Feuertaufe für all die Prinzipien, die ich schon lange nicht mehr so auf die Probe stellen musste. Eine chronische Krankheit bringt dich in Konflikte, von denen du nie gedacht hättest, dass sie dich einmal betreffen.

Ich habe gehadert. Denn ich wollte wieder Rennrad fahren, denn das ist so ziemlich die einzige Möglichkeit für meinen Verstand, loszulassen. Es ging nicht.

Dann habe ich mit Yoga angefangen. Früher dachte ich: aber Yoga ist kein Sport. Ich war froh, dass ich nach der Schulzeit keine Zeit mehr mit Aufwärmübungen verschwenden musste. Total überflüssig. Und Yoga war für mich definitiv in der Kategorie Aufwärmübung. Ich war also sehr erstaunt, wie sehr ich es genoss, diese Verbindung von Atem und fließenden Bewegungen. Und dachte, dass ich das nie wieder aufgebe. Dann setzte meine Lendenwirbelsäule dem ein hartes Ende. Es war, als würde ich stückweise auf einen Punkt und einen Ort reduziert, an dem ich nicht sein wollte. Irgendwann ging nur noch Yoga Nidra. Trotz des Namens eine Art von Meditation. Man bewegt sich dabei gar nicht. Man fühlt in sich hinein.

Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, ist etwas entstanden. Herausgekommen ist ein gestärktes Verhältnis. Und eine erneute Offenheit zuzuhören. Der Elefant hat sich gemeldet und mich fast zu Tode getrampelt.

Aber er hat mir auch gezeigt, dass Beziehung nicht darin besteht, ihn zu dressieren. Sondern darin, ihn zu kennen. Und manchmal einfach stehenzubleiben, damit er sich beruhigen kann. Mit dem Essen ging das ja schon lange gut. Aber das reichte halt nicht ganz.

Und vielleicht ist das am Ende das Wichtigste, was ich gelernt habe: Man kann immer wieder neu anfangen, auch wenn man dachte, man wäre schon längst angekommen.

PS: Ich mache mittlerweile eine Ausbildung zur Yogalehrerin.



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Und jetzt du:
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